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Martin Gerhard Reisenberg

(*1949), Diplom-Bibliothekar und Autor

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"Schreib' doch mal ‘nen Aphorismus," schlug mein Freund Jürgen, der heutige Autor Jürgen K. Hultenreich, mir im Frühjahr 1974 vor und erklärte mir sogleich, was Aphorismen eigentlich seien. Ich kannte sie zuvor nur unter der Bezeichnung "Fragmente", z. B. von Novalis. Wir beide waren damals in der Bibliotheksausbildung, hatten den in der DDR etwas unattraktiven, weil schlecht bezahlten, Bibliothekspfad eingeschlagen um uns auf Schleichwegen der Literatur zu nähern bzw. weil wir an "attraktivere" Studienplätze nicht heran gekommen waren.

Ich trat noch einem Zirkel bei, geleitet von Günter Saalmann, Jazzmusiker und in erster Linie Kinderbuchautor. Leider ist die Bilanz des Zirkels etwas traurig, aber wohl doch wieder zeitgemäß. Drei brachten sich um, einmal war Schizophrenie, ein anders Mal manische Depression im Spiel, einer lernte die DDR-Haftanstalten kennen, eine flüchtete in die BRD, eine andere Dame ist heute Suchtbeauftragte, einer lebt als Maler in der Provence, einer wurde DDR-Berufsoffizier und einer ließ sich geschlechtsumwandeln.

Auch eine Denunziantin hatten wir darunter, wie sich später herausstellte. Sowie noch einen Algerier, der auf französisch schrieb, meine Entdeckung war und später wohl in Richtung Terrorismus abglitt. Und noch einer "flippte" in anderer Weise aus, ging zu den Hare Krishnas, heimlich, weil in der DDR nicht erwünscht, durchtrampte so mehrere Sommer.

Die Anfänge meiner literarischen Ergüsse datieren weit früher. Ich bekam sehr schnell mit, daß ich auf dieser Welt wohl kaum glücklich werden könne und suchte eine gewisse Unabhängigkeit in den Seiten der Bücher. War ich der Meinung, daß einige meiner Lieblingsgestalten aus verschiedenen Büchern gut zusammen paßten, erfand ich mit ihnen neue Abenteuer. Und während der Spielpausen in der Kinderzeit, hatte ich, beinahe wie von Amtes wegen, auch immer zu erzählen, nicht nur angelesene, sondern auch erfundene Geschichten.

Mit den Aphorismen begann es also 1974, in dieser Phase schrieb ich vor allem Gedichte und natürlich, dem Alter entsprechend, viele davon über oder für Frauen. 1975/76 hatte ich eine von diesem G. Saalmann befürwortete Bewerbung am Literaturinstitut, der sogenannten DDR-Dichterschmiede. Doch ich ging damals schon ideologisch ein wenig fehl, mir hatte die Armeezeit nicht sehr behagt bzw. lernte ich in einem Großbetrieb, in den ich einzog, um vor dem Studium etwas mehr Geld zu verdienen, die Tücken und Mängel der DDR-Industrie kennen. Da mich Bücher wie auch anderes Gedruckte immer wieder faszinierten und erfreuten, hatte ich zu Beginn meines beruflichen Weges Schriftsetzer gelernt, das Abitur indessen auf dem abendlichen Bildungsweg nachgeholt. Ich wurde damals also abgelehnt.

Nach dem Jahr 1976, mit jener Biermann-Affäre, schloß ich mich immer mehr oppositionellen Kreisen an, hatte einfach Glück, nicht immer erwischt zu werden, einige unangenehme Geschichten, die auf Denunziationen basierten, gab es dennoch. Ich arbeitete, nach ein paar kurzen Irrfahrten, dann auch im Bibliothekswesen bzw. direkt in der Kultur. Weniger Glück hatte ich mit Veröffentlichungsversuchen, da ich immer mehr vom offiziellen Tugendpfad abdriftete. Ich schrieb viel Kurzprosa, auch mehrere Dramen bzw. versuchte ich mich auch an Manuskripten für Kinder. Ein Umweltmärchen durfte z.B. nicht erscheinen, weil dieses Thema in der DDR nicht zu laut behandelt werden konnte.

So driftete ich also dem Ende der DDR entgegen, hatte endlich auch die rechte Partnerin gefunden und wir schmuggelten unseren Sohn mit durch, dessen Grundlage noch in den letzten DDR-Tagen gelegt wurde.

In der neuen Sphäre angekommen, schaffte ich den Sprung auf den rasenden Gründerzeitzug nicht, obwohl ich viel versuchte, mein Repertoire verbreiterte sich auch. Allerdings wurde ich dauerkrank, das hemmte etwas, vor allem meine Finger waren sehr betroffen (Morbus Bechterew mit Beteiligung der Extremitäten), zudem forderte auch die Familie die ihr zukommende Aufmerksamkeit wie Zeit.

So verblieb ich immer wieder als literarischer Teilnehmer irgendwelcher Anthologien außen vor, allerdings lähmte mich manchmal auch meine zu große Menschenscheu. Die ich nicht so recht erklären kann, denn ich arbeite auch in der Öffentlichkeit(Unibibliothek) und komme mit selbiger recht gut klar.

Aphorismen entstanden in all diesen Jahren mehr als gehäuft, da ich jede Zeitmöglichkeit nutzen muß, oder besser mußte, lief ich auch schon mal versonnen mit dem Notizbuch in der Hand bei Rot über die Kreuzung und das nicht nur einmal. Ich sitze aber auch gern mal in Kaffeehäusern oder, bei passablem Wetter, in Parks zum Schreiben herum. Ich schreibe so gut wie alles erst mit der Hand und unzählige Notizbücher machen meine Wohnung zur Rumpelkammer. Oft genug bereitet es mir Mühe, die eigene Schrift zu lesen, ich bin Linkshänder, der aber von einem wohlmeinenden Lehrer zum Rechtsschreiben gezwungen wurde.

Mein Sohn ist nun erwachsen und ich denke ein wenig traurig an seine fröhlichen Kindertage, die auch meine schönste Zeit waren, trotz der Krankheitsattacken. Vor ein paar Jahren trennten wir alle uns als Familie, in einer jedoch sehr friedlichen Weise, zogen auch dicht nebeneinander und helfen uns auch heute noch, wo wir nur können.

Im grimmigen Spaß meinte ich mal zu einem Bekannten, daß ich es im Leben auf 100000 Aphorismen bringen wolle, aber das war nur Spaß, allerdings setze ich mir stets, um das Höchstmögliche aus mir heraus zu holen, immer nahezu utopische Ziele. Ein Roman blieb erst mal Fragment, eigentlich schon zwei. Wären meine tückischer gewordenen Erkrankungen nicht da, würde ich mich noch sehr wohl fühlen, selten genug führe ich mich auch altersgemäß auf. Leider!

Da ich viel, wahrscheinlich zu viel lese, habe ich kaum einen speziellen Lieblingsautor oder Richtungsgeber, so etwas wechselt ja auch mal mit der Zeit und den Jahren. Aber Camus, Rilke, Goethe, Dostojewski, Munoz Molina, Paz, Aleixandre, Ungaretti, Martinson, Pasternak, Jessenin, Bulgakow, Cernuda, Arrabal, Jacobsen, von der Vring, Garschin sollen z.B. erwähnt sein, von den Aphoristikern speziell Kraus und Lec.

Die Bücher, welche ich im Leben am meisten las, sind allerdings Kinderbücher, "Die Perlmutterfarbe" von Anna Maria Jokl, "Das goldene Schlüsselchen"(die russische Pinocchio-Version, in welcher die Holzpuppe Burattino heißt), sowie "Die glücklichen Inseln hinter dem Winde"(deren Bürger ich gern wär!!!) von James Krüss

Weitere Ziele nenne ich nur eines, am Leben zu bleiben, natürlich möglichst lange und auf einem stets verträglichen Niveau. Dieses eine Ziel vereinigt alle weiteren.

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letzte Änderung: 04.10.2012