Der Aphorismus im Internet

Halon Wittiger

Hä?
Der Aphorismus im Internet

I. Das Schreiben von Aphorismen scheint denen am leichtesten zu fallen, die es nicht können. Sie werden zum Infektionsherd für die, die nichts merken, zur Plage für Nutzer, die noch in der Lage sind, Blödsinn zu erkennen, wenn sie auf ihn stoßen, und nicht – wie eher vielfach zu befürchten ist – Kalauerverdächtiges wie Einige Menschen glauben, dass die Autonomie die Freiheit rasender Bürger auf der Autobahn sei für das halten, was sein Autor gedacht hat, dass es sei. Sie werden zur Plage für alle Interessierten und auch die Schlauberger, die für Zwecke einer kurze Ansprache zur Pensionierung eines Kollegen, zur Eröffnung einer Sparkassen-Zweigstelle, zu einer privaten Feier oder was auch immer mal schnell noch einen Spruch brauchen, um ihre Rede mit mehr aufzuhübschen als mit Man kann über alles reden, nur nicht über 15 Minuten, geraten ins Schwimmen.

Man braucht aber weder die einen noch die andern in Schutz zu nehmen – nur den Aphorismus. Dabei kann es freilich nicht darum gehen, gegen schreibende Hausfrauen und Feierabendliteraten – nette Leute wahrscheinlich, die man vermutlich lieber zu Nachbarn hätte als ein sozial unverträgliches Aphoristiker-Genie – Front zu machen und mit Kanonen auf Spatzen zu schießen, sondern deutlich zu machen, dass der Aphorismus im Internet unter eine Masse solcher sich als Aphorismen gerierenden Banalitäten unterzugehen droht und Qualitätsstandards beliebig werden.

Allein mit seiner Masse kann Schutt und Schund leicht die Perlen, die es gibt, verschwinden lassen oder dafür sorgen, dass man von dem vielen Unsinn ganz erschöpft wird, bevor man auf eine stößt, oder eben vorher schon aufgibt, weil man nach und nach zur Überzeugung gelangt, dass es gar keine Perlen gibt. Wo versteckt man einen gelungenen Aphorismus? Unter Unmengen von schlechten.

Wo dann ein Portal auch noch für jeden Autor eine anteilige Auswahl aus der Menge der von ihm vorliegenden Formulierungen im täglichen Wechsel darbietet, ist zwangsläufig am meisten von denen zu finden, deren als Aphorismen maskierte Banalitäten (Wenn wir manches, was uns blüht, im Voraus ahnten, würden wir es umgehen) oder Unverständlichkeiten (Wer von hinten beginnt, wird unterwegs viele interessante Begegnungen erleben), die anscheinend manchmal auch ihr Verfasser nicht verstanden, aber vielleicht gerade deswegen für gelungen gehalten hat, in so großen Mengen archiviert sind, dass selbst Lichtenberg – und zwar der Georg Christoph, nicht Wilhelm – dagegen wortkarg und schreibfaul erscheint.

Gute Aphorismen, die mit Stichworten gesucht werden, gehen unter; Nutzer haben keine Chance, mit ihrem Suchbegriff dem massenhaft Vorhandenen zu entgehen, sie stoßen darauf und müssen sich durchwühlen, ob sie wollen oder nicht. Es dürfte überhaupt einer der Haupteinwände gegen das Internet sein: Es mag vieles Interessantes und Wichtiges enthalten, aber man findet das Gesuchte oft nur schwer unter dem ganzen Müll, den es quasi gleichberechtigt enthält und unterschiedslos darbietet.

Wenn dann noch die "Beliebtheit" eines Autors an der Quantität seiner aufgerufenen und "gelesenen" Formulierungen festgemacht wird, tut die Fragwürdigkeit computerisierter Algorithmen ein Übriges: es ist dann kein Wunder (aber man reibt sich trotzdem die Augen!), wenn in der Liste der beliebtesten Autoren Hinz (und Kunz) gleich hinter dem (noch!) erstplatzierten Goethe, aber vor Wilhelm Busch, Cicero, Konfuzius oder Schiller kommen. Und peinlich ist, dass ein einziges Zitat eines jener schlechter Platzierten hunderte solcher von Hinz aufwiegt, noch sehr viel peinlicher gar, wenn sich unter Kunz' "Aphorismen" Nachahmungen und Plagiate finden und schlechter als er platzierte Autoren die Urheberschaft für die Originale beanspruchen können.

Erfahrungen, die wir von anderen vernehmen, bleiben wirkungslos. Sie wirken erst auf uns, wenn wir sie selber gemacht haben, schreibt zum Beispiel einer, und wenn man ihm das "vernehmen" und ein paar andere Ungenauigkeiten nachsieht, wird man ihm auch nachsehen müssen, dass er – bei etwas Nachdenken – hätte bemerken können, dass ihn die Gültigkeit seiner Aussage der Erfordernis, sie zu Papier oder sonst wohin zu bringen, eigentlich enthoben hätte. Bei so viel Nachsicht wird man ihm dann vielleicht nicht auch noch zu Gute halten mögen, dass er Sage es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde es behalten. Lass es mich tun, und ich werde es können nicht kannte. Dass das wiederum manchmal Goethe, manchmal auch Laotse, am häufigsten aber Konfuzius zugeschriebenen wird, wird dann schließlich zur Pointe, für die unser Autor nun wieder wirklich nichts kann...

Quelle: Hä? Der Aphorismus im Internet, in: B. S. Orthau (Hg.), Als ob da Dinge wären, BoD:Norderstedt 2018 (ISBN 978-3-7481-8186-6), S. 195-206