Jacek Orłowski

(*1964), polnischer Manager und WörterbuchautorFoto: Jacek Orłowski

Ich bin 1964 in Poczesna bei Częstochowa (dt. Tschenstochau) geboren und dort auch aufgewachsen. Seit langer Zeit lebe ich aber in Krakau, weil es eine Stadt von betörender Schönheit ist und weil dort ein anderer Zeitbegriff und ein besonderes Lebensgefühl herrschen. Kurz und bündig könnte man dies so umschreiben: Was in Krakau wichtig ist, ist z. B. in Hamburg oder München total irrelevant, und was in Krakau unwesentlich ist, ist in München von enormer Wichtigkeit.

Ich bin Diplom-Bauingenieur und arbeite als Manager in der polnischen Industrie. Ich war unter anderem 15 Jahre lang Geschäftsführer Einkauf beim größten europäischen Flachglasverarbeiter. Meine Leidenschaft gilt allerdings der Sprachwissenschaft. Damit stehe ich in der Tradition der polnischen Vorkriegsingenieure, die neben dem rein technischen Wissen auch Geisteswissenschaften gerne betrieben hatten. In den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts habe ich mehrere Jahre in München und in Ratingen verbracht, wo ich große Bauvorhaben beaufsichtigt habe. Sprachlich brachte es mich nicht gerade weiter, weil ich in deutschen Straßen zu viel schlechtes Deutsch hörte. Die Krakauer Varietät des Deutschen war mir schon lieber.

Ich bin des Polnischen, Russischen, Deutschen und Englischen mächtig. Ich frage mich manchmal, wer europäischer ist: Ein Hamburger, ein Münchener oder ein Pole, der in einem kleinen Dorf bei Tschenstochau aufgewachsen ist, und nun das deutsche Sprachkulturgut mit seinen deutschen Aphorismen bereichert, die kein deutscher Muttersprachler in der ganzen Geschichte der deutschen Sprache jemals schriftlich so formuliert hat? Es ist schon eine eigenwillige europäische Geschichte, wenn man bedenkt, dass mein Großvater mütterlicherseits, Wacław Kasprzyk im April 1940 in Wrzosowa von der Gestapo festgenommen und wegen seiner politischen Ansichten ins KZ Dachau (Häftl.-Nr.: 3115) deportiert und auf brutalste Weise misshandelt worden ist und sein Enkel nun die deutsche Literatur in Form von Aphorismen mitgestaltet.

Da stellt sich für mich als Pole auf Anhieb die Frage: Wo sind die Münchner oder Hamburger Bauingenieure, die die polnische Sprache um selbstkreierte polnische Sinnsprüche reicher machen, weil sie talentiert genug sind, das Polnische literaturtauglich zu beherrschen? Wo sind sie geblieben? So enge Nachbarn sollten sich doch im geistigen Austausch gegenseitig und nicht einseitig befruchten. Es gibt keine einfache und eindeutige Antwort auf so gestellte Fragen, aber sie sind schon berechtigt und überlegenswert, wenn wir an ein gemeinsames und zukunftsfähiges Europa denken wollen. Ich persönlich könnte auf interkulturelle Querverbindungen innerhalb Europas nicht verzichten, die ostwestlich verlaufen.

Ich schreibe seit über zwanzig Jahren an einem polnisch-deutschen Wörterbuch, das zur Zeit ca. 25 000 A-4-Seiten umfasst und mit Hilfe der Clarion-Datenbanksoftware erstellt wird. Bei meiner linguistischen Arbeit ist es mir gelungen, anhand von zahlreichen Beispielen nachzuweisen, dass die Muttersprache die Mentalität und die Stimmungsanfälligkeit der Menschen bestimmen kann, indem sie sie zwingt, bei manchen Aussagen auf eine nicht emotionsneutrale Weise zu denken.

Die meisten Deutschen, die mich kennengelernt haben, fragen mich, wo ich denn die polnische Sprache gelernt habe. Dadurch bringen sie mich natürlich in Bedrängnis und eine unumgängliche Identitätskrise, die ich nur mit einem desillusionierenden Vortrag über meine Herkunft bewältigen kann.

Alle Texte von Jacek Orłowski anzeigen