Gedicht zum Thema: Schande

Wer zieret nû der êren sal?
der jungen ritter zuht ist smal,
sô pflegent die knehte gar unhövescher dinge
Mit worten, und mit werken ouch.
swer zühte hât, der ist ir gouch.
nemt war, wie gar unfuoge für sich dringe.
Hie vor dô berte man die jungen,
die dâ pflâgen frecher zungen:
si schallent unde scheltent reine frouwen.
wê ir huiten und ir hâren,
die niht kunnen frô gebâren
sunder wibe herzeleit!
dâ mac man sünde bî der schande schouwen,
die maneger ûf sich selber leit.

Wer ziert heute den Saal der Ehren?
Der Anstand der jungen Ritter ist dürftig,
und entsprechend treiben die Knappen es ganz wüst
mit Worten wie mit Werken.
Wer Benehmen hat, ist für sie ein Narr.
Seht doch, wie unaufhaltsam die Rohheit vordringt.
früher gab man den Jungen ein paar hinter die Ohren,
die da freche Reden führten:
heute ist es ihr ganzer Stolz!
Sie geben laut an und erniedrigen die Reinheit der Frauen.
Durchprügeln und kahlscheren sollte man sie,
die nicht fröhlich sein können
ohne Frauen Leid zuzufügen.
Hier kann man Sünde und Schande sehen
die so mancher sich selbst auflädt.

Walther von der Vogelweide

(um 1170/75 - um 1230), Heimat umstritten, Minnesänger, Spruchdichter und Kreuzzugteilnehmer 1228