Gedicht zum Thema: Liebe

LXIV

Seh ich mit grausem Griff die Zeit zerwühlen
erhabnen Prunk der hingesunknen Welten;
stell ich mir vor, wie stolze Türme fielen,
und Trümmer nur für erzne Male gelten;

seh ich des Meers begehrendes Gebiß
an königlichem Strande wölfisch nagen,
und wie das Festland wieder sich entriß,
Gewinn Verlust, Verlust Gewinn muß tragen;

und seh ich diesen Wandel, dies Verkümmern,
und alles, was da war, zum Schluß ein Schemen –
da steigt mir der Gedanke aus den Trümmern:
die Zeit wird mir auch meine Liebe nehmen.

Gedanke, der in Todestrauer führt:
zu denken, daß man hat, was man verliert!

William Shakespeare

(1564 - 1616), englischer Dichter, Dramatiker, Schauspieler und Theaterleiter

Quelle: Shakespeare, Sonette (Sonnets), 1609. Übersetzt von Karl Kraus, 1933