Gedicht zum Thema: Arbeit

Recht auf Arbeit

Im deutschen Wirtschaftswunderland
sitzt das Getriebe voller Sand.
Der Himmel hängt nicht mehr voll Geigen,
die Wirtschaft lahmt - die Preise steigen,
die Krankenkassen sind recht leer,
Arbeit bekommt man nur noch schwer,
wer fünfzig ist - und ohne Job,
der zählt recht bald zum armen Mob.
Der Handwerksstand geht langsam pleite,
die Industrie, die sucht das Weite,
wo Niedriglöhne sie entzücken
und hohe Kosten sie nicht drücken.

Der Deutsche Michel sieht's mit Grausen,
und es beschert ihm Nabelsausen,
wenn er an seine Zukunft denkt,
die nur am seid'nen Faden hängt.
Die Zukunftsangst ist fürchterlich!
So setzt er sich an seinen Tisch
und stützt den Kopf in beide Hände:
Die Sorgenfalten sprechen Bände!
Er wartet jeden Tag auf morgen,
man könnt ihm einen Job besorgen.
So sitzt er da und hofft gebannt
auf Nachrichten vom Arbeitsamt!

So schwinden Stunden, Tage, Wochen,
da man ihm Arbeit hat versprochen.
Nun sitzt er da in seiner Not
und wünscht sich sehr, er wäre tot!
Hunger bereitet ihm schon Qualen,
er kann die Miete nicht mehr zahlen,
sein Konto bei der Bank ist leer,
Reserven hat er auch nicht mehr!
So weiß er nicht mehr ein noch aus,
sein Leben ist ein einz'ger Graus!

Die Zeit vergeht - die Hoffnung schwindet,
daß er noch mal 'ne Arbeit findet.
Nun sitzt er da, der arme Tropf,
die Hände stützen seinen Kopf!
Ermattet schläft er lautlos ein:
Das wird dann wohl das Ende sein!
So haucht' er dann in seinem Haus
ganz leise seine Seele aus!
Man fand sein Skelett ganz zufällig
zu Haus an seinem Arbeitstisch!

© Willy Meurer

(1934 - 2018), deutsch-kanadischer Kaufmann, Aphoristiker und Publizist, M.H.R. (Member of the Human Race), Toronto