Gedicht zum Thema: Freiheit

Die Feder Marats, wieder in Blut getaucht,
Steht auf und lehrt scheuseliges Henkertum.
Die Feder Marats? Nein, die deine
Wahrlich abscheulicher, zehnmal, ist sie.

Er schrieb für Freiheit, mindestens wie er sie
In seiner teuflisch kochenden Brust verstand:
Du glühst für Knechtschaft, willst Vernichtung
Predigen über ein ganzes Volk uns.

Nicht bloß sie selbst, ihr Name sogar – es spricht's
Dein feiler Mund – soll schwinden und untergehn:
Nur dich hinweg, dich, Name Polens!
Rufst du, dir schreib ich es nach mit Schauder.

Ihr Name selbst? wie kränkte der Name dich?
Ihr Name bleibt, und gingen sie selbst zugrund!
Er ward mit Heldenblut geschrieben,
Menschlichem Ruhme die schönste Sternschrift.

Du freilich wichst demütigen Schritts zurück,
Wenn fremde Macht anfiele das Vaterland.
Sie starben, ja, doch nicht entgingst du
Ihrem gebrochenen Heldenblicke.

Sie schrecken dich im Tode sogar, und nach
Dem Tod verfolgt dein schnödes Gedicht sie noch.
O seltne Großmut! Solche Seelen
Nährt der entartete deutsche Boden!

Du höhnst den Leichnam, aber ich leg indes
Dies kurze Lied auf mächtigen Aschenkrug:
Hier liegt ein Volk! und dort bei dir ging
Menschengefühl in Sophistik unter.

Georg Herwegh

(1817 - 1875), deutscher Lyriker, lt. Heinrich Heine "die eiserne Lerche der Revolution"