Gedicht zum Thema: Enttäuschung

Eines jener Lieder ...

Schließ die Augen, leg dich nieder
und schlaf ruhig ein
ich sing eines jener Lieder
die sich selbst bereun
ein Lied, das man nicht glauben muß
ein Lied, das man nicht verstehen muß
ein Lied, das keinem böse ist
wenn man es vergißt.

Tränen trocknen immer wieder
sobald man sich besinnt
ich sing eines jener Lieder
die vergeblich sind
ein Lied, das nichts mehr ändern kann
ein Lied, das nichts verhindern kann
ein Lied, das nur die Zeit vertreibt
die noch übrigbleibt.

Zu sehn, wie etwas stirbt tut weh
auch wenn es zu erwarten war
auch Blumen, die ich welken seh
tun weh – jedes Jahr ...

Müde Augen, müde Glieder
ein Rest von Zärtlichkeit
ich sing eines jener Lieder
die sich irren in der Zeit
ein Lied von dem, was nicht mehr ist
das dir sagen sollte: ich liebe dich
und doch nur sagen kann: ich hab dich geliebt
weil es meine Liebe nicht mehr gibt.

Zu sehn, wie etwas stirbt tut weh
auch wenn es zu erwarten war
auch Blätter, die ich fallen seh
tun weh – jeder Jahr ...

© Jörn Pfennig

(*1944), deutscher Dichter und Lyriker

Quelle: Pfennig, Grundlos zärtlich. Gedichte, 1979