Gedicht zum Thema: Leben

Blasse Menschen seh' ich wandeln,
Und die Klag' tönt allerorten:
»Schal ist unser Tun und Handeln,
Siech und alt sind wir geworden.«

Wollt' euch nie bei euerm Forschen
Die uralte Mär erklingen
Von dem Brunn, darin die morschen
Knochen wundersam sich jüngen?

Und der Brunn ist keine Dichtung,
Fließt so nah vor euren Toren,
Euch nur mangelt Weg und Richtung,
Ihr nur habt die Spur verloren.

Drauß im Wald, im grünen, heitern,
Wo die Menschenstimmen schweigen,
Wo auf duft'gen Farrenkräutern
Nächtlich schwebt der Elfenreigen:

Dort, versteckt von Stein und Moose,
Rauschet frisch und hell die Welle,
Dort entströmt der Erde Schoße
Ewig jung die Wunderquelle.

Dort, umrauscht von Waldesfrieden,
Mag der kranke Sinn gesunden,
Und des Lenzes junge Blüten
Sprossen über alten Wunden.

Joseph Victor von Scheffel

(1826 - 1886), Joseph Victor Scheffel, ab 1876 von Scheffel, deutscher Schriftsteller und Dichter

Quelle: Scheffel, Der Trompeter von Säckingen, 1854