Gedicht zum Thema: Glück

Über das Glück.

Vier Dinge, Bruder, sind des Glückes Quelle,
Wer sie besitzt, erklimmt die Ehrenstelle.
Glanzreiche Herkunft ist ein Glückeszeichen,
Der Nied’re kann nicht Thron und Kron’ erreichen.
Ein andres ist ein Herz von Sünden rein,
Ist rein dein Herz, so hast du nichts zu scheu’n.
Beglückten ward ein klarer Geist gegeben,
Der Schwachbegabte wird in Trübsal leben.
Wer sicher wähnt zu sein vor Gottes Strafe,
Ist gläubig nicht, nein, ein betörter Laffe.
Fünf Tage sind uns hier geschenkt, nicht mehr,
Ein Tor, wer nicht ans Künft’ge denkt vorher.
Man soll die Welt und ihre Lust verlassen,
Den Saum der Frommen selbstbewusst erfassen.
Jag’ nicht der Lust nach, der verfänglichen,
Sei Freund der Welt nicht, der vergänglichen.
Sorg’ um die Welt wird dir nicht Lohn erwerben,
Zumal du ja am Ende doch musst sterben.
Wird aus dem Leib gefloh’n die Seele sein,
Wird Staub in deiner Knochen Höhle sein.
Kein Mittel hast du gegen Leibes Tod,
Kein Feind, als eigenes Gelüst, dir droht.

Fariduddin Attar

(um 1136 - etwa 1220), Farīd ad-Dīn-e ʿAṭṭār, persischer Apotheker, Dichter, Lyriker, Mystiker und Heiliger

Quelle: Attar, Pendnameh (Das Buch des guten Rates). Übersetzt von Ferdinand Nesselmann, 1871