Gedicht zum Thema: Traurigkeit, Trauer

Seit sie gestorben, ist mir eines gewiß:
Daß es ein Ewiges muß geben!
Denn über meines Herzens Riß
Fühl' ich ein ew'ges Leben schweben,
Seit sie gestorben.

Seit sie gestorben, bin ich stolz und kühn:
Ich weiß es nun, was Herzen tragen!
Was sind mir fürder alle Mühn?
Was giebt es ferner noch zu wagen,
Seit sie gestorben.

Seit sie gestorben, lebt im Herzen mir
Ein Bild der seligsten Verklärung,
Bin ich ein Baum, den für und für
Die Heil'ge schützet vor Zerstörung,
Seit sie gestorben.

Seit sie gestorben, ist ein fester Wall
Der Einsamkeit um mich gezogen;
Vergebens ist der Überfall
Der Freuden, die mich rings umwogen,
Seit sie gestorben.

Seit sie gestorben, hat die tiefste Ruh'
sich heimisch in mein Herz gesenket,
Die Seele schließt die Augen zu
Und ahnt und träumt mehr, als sie denket,
Seit sie gestorben.

Moritz Hartmann

(1821 - 1872), österreichischer Schriftsteller und Politiker, Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung, schrieb u.a. »Kelch und Schwert«