Gedicht zum Thema: Abend, Abendrot

Die Stadt verklingt

Woher die feinen Töne schweben
Wie weit verwehter Düfte Schwaden?
Sie sind vom weiten Weg beladen
Mit Mörtelmehl und Spinneweben.

Verstaubtem Öl in Schlüssellöchern
Und stickluftdunkler Korridore,
Mit Säuren, Weines rotem Flore,
Mit Anklang, eisern, hölzern, knöchern.

Und während sie dich schwer erheben,
Kommt schon der Mond mit großem Rade,
Und unter dir klingt als Ballade
Die Stadt, der Abend und dein Leben.

Oskar Loerke

(1884 - 1941), deutscher Dichter des Expressionismus; zusammen mit Hermann Essig Kleistpreis 1913

Quelle: Loerke, O., Gedichte