Gedicht zum Thema: Leben

Bühne des Lebens

Ob ich ein guter Mime bin?
Ich kann es euch nicht sagen,
denn manches kriege ich nicht hin,
doch könnt ihr andre fragen.

Vielleicht reicht das Talent nicht aus,
doch schlecht sind oft die Rollen,
und manches Stück ist mir ein Graus,
dann liegt es nicht am Wollen.

Am liebsten doch begnüge ich
mich gern mit Nebenrollen.

Im Vordergrund, so denke ich,
da soll'n sich andre tollen.

Gar häufig werd' ich auch gedrängt
den Part zu übernehmen.
Dann spiel ich richtig angestrengt,
man merkt es am Benehmen.

Das Lust- und auch das Trauerspiel
die wechseln stets sich ab.
Auch Dramen gibt es leider viel,
obwohl ich die nicht mag.

Was sagt der große Regisseur?
Dem ist das furchtbar schnuppe.
Er schiebt mich immer hin und her,
als wär' ich eine Puppe.

Ach, gar zu gerne möchte ich
die Szenen selber schreiben.
So eine Rolle wie für mich,
dann könntet ihr mich leiden.

Denn eine Schwäche habe ich,
das ist nun leider so.
Gibt es einmal Applaus für mich,
dann bin ich richtig froh.

Wenn dann der letzte Vorhang fällt
und ich trete ab,
verbeuge ich mich vor der Welt,
die mir die Bühne gab.

© Regina Hesse

(*1933), fabulierende Großmutter

Quelle: Hesse, Federleichte Gedankensprünge, 2007