Gedicht zum Thema: Weisheit

»So kommt denn«, fragst du, »nimmer weiter
Das arme menschliche Geschlecht?
So haben denn die edlen Streiter
Umsonst gekämpft für Licht und Recht?« –

Wir kommen weiter, trotz den Mängeln,
Trotz allem, was uns täuscht und irrt,
Ob auch ein Paradies von Engeln
Die Erde nie erzeugen wird.
Die Sonne wird, nach tausend Jahren,
Wie heute, schwache Menschen sehn;
Auch werden immer aus den Scharen
Hervor erhabne Seelen gehn,
Die unverletzlich die Gefahren
Der Zeitenpestilenz bestehn.
Die sind der Menschheit Licht und Leiter;
Vor ihnen wird es hell und klar;
Sie schreiten vor durch die Gefahr
Und führen Menschenseelen weiter.
Ein sieggewisser Göttermut
Bezeichnet leuchtend diese Hohen;
Sie sind die heiligen Heroen
Auf denen Gottes Vollmacht ruht.
Fern von des Lebens Wirbelkreisen,
Und aus den Stürmen seiner Zeit
Tief in die Ruh der Einsamkeit
Hineinzuflüchten, ziemt dem Weisen,
Der gern mit seinem Herzen spricht;
Nur sich und Schätze seiner Gaben
In ihrem Schoße zu begraben,
Verhüllend das verliehne Licht,
Wie die verkehrten Tugendhaften,
Die heiligen Halbgötterschaften,
Das ziemt dem weisen Manne nicht!

Christoph August Tiedge

(1752 - 1841), deutscher Schriftsteller

Quelle: Tiedge, Die Einsamkeit, 1792