Gedicht zum Thema: Heimat

Heimath

Geh' wieder über die Äcker hin,
Lieg' wieder im stillen Walde:
Ist noch das alte Buchengrün,
Die alte Hügelhalde.
Der Gotenstein, der graue Fels,
Ragt noch wie einst in die Lüfte,
Trägt noch den alten moosigen Pelz,

Schaut stumm auf versunkene Grüfte.
Und drüber spannt sich der Himmel aus
Mit seiner stillen Bläue –
In meiner Seele regt sich was,
Wie eine geheime Reue.

Doch kommt zum Glück ein Menschenpaar
Den Wald herauf gegangen:
Er ein Beamter, das Weiblein ist
Die Mutter seiner Rangen.

Gut essen und gut schlafen ist
Das Ziel, das sie sich steckten,
Und bläh'n sie sich auch hier im Frei'n,
Sie bleiben doch Insekten.

Gut essen, trinken, schlafen ist,
Was Alle fest vereinigt –
Weh dem, der Höh'res will, er wird
Zur Stadt hinaus gesteinigt.

Gut essen, trinken, schlafen! Ach,
Ich danke meinem Gotte,
Dass ich dem Land entronnen bin
Und seinem feilen Spotte.

Ludwig Scharf

(1864 - 1938), deutscher Lyriker, sein Gedichtband »Lieder eines Menschen« gilt als eines der wichtigsten lyrischen Werke des Naturalismus

Quelle: Hirth/Schoenberner (Hg.), Jugend – Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, 1896-1940. 1905