Gedicht zum Thema: Wissenschaft

Das Haus der Wissenschaft

Das Haus der Wissenschaft liegt hinter mir,
Und vor mir liegt die schöne tiefe Welt.
Gehorsamst schloss ich hinter mir die Thür,
Die zum Kanzlisten führt –
Und schritt die breiten Treppen ab.
In meiner Tasche noch das Stempelgeld
Für den Verzicht auf einen Prüfungsspruch,
Ein karger Rest der Zulassungsgebühren.
Wie die Fontaines unten breiter sprudeln
Und höher ihre braunen Tropfen spein,
Als freun sie sich mit mir! Die grauen trägen
Oktoberwolken thun sich plötzlich auf:
Dem durstigen Aug ein Stück ätherisch Blau.
Da trollt 'ne Herde schwarzer Klostermädchen
Mit weißen Hüten dicht an mir vorüber.
Zwei Professoren dort: in Positur der eine,
Den Blick gewaltsam auf Passanten bohrend –
Ein Freiherr wohl. Der andre schlotternd, sinnend,
Und vor sich hin den Blick, die Arme hängend,
Nachlässig aufgeknöpft den langen Rock.
Und eitel beide.
Ich sauge Alles wie ein Neuling ein
Und habs doch hundert Male schon gesehn.
So schlendr' ich einen engen Bogen durch
Des großen weißen Thors – zur offnen Straße.
Ach, Leben, Leben! Nur kein Wissensquark!
Noch lieber Chaos, end- und anfanglos,
Drin Elemente und Instinkte walten,
Als der Systeme seelenloser Bau,
Wo sich Prinzipien an Prinzipien reihn!
Natur! Natur! Kein Auditorium!
Natur mit Gras und Menschen! Kein Bureau!
Noch lieber eine dumpfe Zuchthauszelle,
Noch lieber eine Irrenzelle – ja!
Als des Bureaus verstaubte Täglichkeit,
Wo Menschen Automaten werden.
Und dreimal lieber eine Friedhofsgruft! –
Seit Jahren trug ich schon das schwere Joch:
Du wirst Jurist! Weil's schon dein Vater war!
Weil das ein Stand, vor dem man Hüte zieht!
Und Mann und Frau und Kinder sind versorgt! –
Erst hatt ich Sprachen, Sprache dann studirt,
Auch kannt ich Herder, Oken, lernte Darwin kennen –
Noch eine Lücke blieb: was will der Staat, das Recht?
Und so beschloss ich einst, Jurist zu werden.
Doch wollt ich nie verstehen, dass der Gesellschaft Diener
Der erste Stand. Mein erster Stand hieß Mensch –
Der ward ich heute ganz, ward frei und mein.
Auf eine Bank der breiten Pappelstraße
Vor einer Villa sitze stumm ich nieder.
An meine Mutter denk ich. Seh ich sie im Geist,
Versteint sich jäh das Herz in meiner Brust,
Weil übermächtig drin die Liebe wogt
Zu ihr – der Liebe Mitleid – übermächtig.
Kannst du Mutter, deinem Sohn verdenken,
Dass er noch mehr als dich und deine Wünsche
Sich selber liebt? Und muss er untergehn,
Glaubst du am schmalen Weg zum Untergang
Blüht keine Rose ?
Ach, wärst du hart! –
An meine Mutter denk ich –
Ach wär sie tot –
Ich trete schweigend meinen Heimweg an –
Das Haus der Wissenschaft liegt hinter mir.

Ludwig Scharf

(1864 - 1938), deutscher Lyriker, sein Gedichtband »Lieder eines Menschen« gilt als eines der wichtigsten lyrischen Werke des Naturalismus

Quelle: Scharf, Gesammelte Lyrik und Prosa. Mit einer Auswahl aus dem Briefwechsel. Herausgegeben von Walter Hettche, Aisthesis Archiv 16, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2011. Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis des Aisthesis Verlags. Lieder eines Menschen (1892)