Gedicht zum Thema: Kindheit

Fragen an die Kindheit

Wenn die Mutter den Vater beschimpfte, schlug er sie meist
Wenn die Schwester Samstag abends ausging, brachte sie zumeist
einen andern Mann mit nachhaus
Viele gebärdeten sich laut und blieben bis zum nächsten Mittag
Unser Nachbar war Kanalräumer und ging vor jedem Wochenende
zum Fluß hinunter
Mit einem Stück Seife in der Hand – um sich ganz zu waschen
Unsern Hund mochten nur wir Kinder
Die Eltern fluchten immer, wenn die Steuer für ihn zu bezahlen war
Unsre Küche roch ewig nach kaltem Fett und Zwiebel
Unser Wohnzimmer nach Rum, Zigaretten und – nach Streit
Wollte einer von uns zanken, brauchte er sich bloß an den
großen Tisch zu setzen –
Und schon war's geschehen –
Ob ich eine traurige Kindheit hatte, wurd ich oft gefragt
Gar nicht wahr, hab ich drauf gesagt
Gräßlich fand ich nur, daß keiner dem andern zeigen konnte –
Daß er ihn auch mochte

© Heinz Körber

(*1938), Aphoristiker