Gedicht zum Thema: Narren

Lied eines Toren

Ich liebe die, die nicht zu leben wissen ...

Der Narrheit Raum! Wer hilft mir Berge ebnen!
Mein Wille ist ein Kreislauf, der nie endet.
Dem mühvoll Nutzlosen und dem Vergebnen
Hab ich mit Leib und Leben mich verpfändet.

Mein Hirn gab ich dem Wahn zum Herrensitze,
Von Truggebilden ist mein Blick umflimmert.
Ich klettre mittags auf die Kirchturmspitze,
Weil sie so golden in der Sonne schimmert.

Gestreckten Laufs und nimmermüden Fusses,
Zum Horizont, der immer wieder schwindet,
Folg ich den Krümmungen des raschen Flusses,
Bis er sein Bett im fernen Meere findet.

In Hass und Liebe ohne Mass und Grenzen,
In Überschwang und Frevel ohne Reue,
Lass ich mein Gold vor blöden Augen glänzen
Und werfe meine Perlen vor die Säue.

Blind hängt mein Torenherz an seinem Bunde.
Die Tage geb ich hin verlornem Sinnen
Und lass mir nachts aus einer offnen Wunde
Heimlich, zum Spass, die roten Tropfen rinnen.

Hedwig Lachmann

(1865 - 1918), deutsche Lyrikerin, Übersetzerin, Sprachlehrerin und Erzieherin