Gedicht zum Thema: Natur

Die Wetterwolke
– Eine Impression aus dem Bliestal –

Hinten am Horizont
Steht wie ein ungeheures Schreckbild
Eine schwere schnaubende Wolke.
Heisser glühender Sand
Fährt in die Pausen
Sengend durch die Luft.
Was willst du hier und woher kommt du?
Aus welcher Gegend hast du dich verirrt
In meiner Heimat stilles Wiesental,
wo klein und unscheinbar die Blumen stehen
und die friedlichen Obstbäume blühen,
denen du bange machst?
Was willst du hier, du Wüstengeist?
Willst du Feuer niederregnen
Auf dies blühende Eden meiner Kinderträume,
dass die grünen Halme verdorren
und ihre Würzlein sich zum Tageslicht kehren?
Duckt euch, ihr Blumen und Pflanzen all
Und du buntes Getier!
Werft euch zu Boden und haltet den Atem an,
wenn es vorüberzieht,
das fremde feindliche Ungetüm!
Mag es die Meere aufwühlen,
dass die Bronnen der Erde rauchen!
Denn dort steht Kraft gegen Kraft
Und die Kräfte sind gleich!
Aber du, mein Tal,
wo die Zufriedenheit wohnt,
halte den Atem an,
dass du den Gluthauch nicht spürst,
bis es vorrüber ist -
bis die Rosenwölkchen der Abendsonne
deinen Himmel verklären!

Ludwig Scharf

(1864 - 1938), deutscher Lyriker, sein Gedichtband »Lieder eines Menschen« gilt als eines der wichtigsten lyrischen Werke des Naturalismus