Gedicht zum Thema: Natur

Am Busen der Natur

Jedes Kind, ob Bub ob Maid,
bezeugen der Vergangenheit,
daß sie gar oft an Mutters Brust
geherzt, gewärmt und voller Lust,
ob Tag – ob Nacht,
in Zärtlichkeit die Zeit verbracht.

Später, als die Liebe kam,
man wieder in den Arm sich nahm.
Das Herz des Andern in der Brust,
ganz zärtlich – und mit großer Lust
wird an den Busen sich gedrückt,
ein jeder ist der Welt entrückt.

Man spürt des Andern Herzensschlag,
man zeigt, wie gerne man ihn mag,
man streichelt zärtlich Haut und Haar
und schwört sich Treue immerdar.
So geht man ineinander auf,
setzt fort den weitren Lebenslauf.

Es ist im Sinne der Natur,
dass man des Anderen Figur
erlebt mit großer Lust
und daß man streichelt dessen Brust.
Fürs Herz, das man darunter liebt,
dem andern nun das Seine gibt.

Ich wünschte mir nun sehr,
daß hier das Gleiche – oder mehr
der Mensch bereit ist abzugeben,
um so mit der Natur zu leben.
Mit Liebe alles zu erfassen
und Leben – leben lassen.

Denn ob nun Blume oder Baum,
sie haben alle ihren Traum,
sie möchten blühen und gedeih’n
und sich des Lebens freu’n.
Sie möchten eins sein nur –
geliebt – als Busen der Natur.

© Klaus Ender

(*1939), deutsch-österreichischer Fachbuchautor, Poet, bildender Künstler der Fotografie

Quelle: Ender, Ein Samenkorn mit Zuversicht, 2004