Gedicht zum Thema: Poesie, Dichtung

Das Jahr des Dichters

Das Jahr beginnt, wie's immer war:
still ruht der See im Januar
Im Februar, wenngleich auf Schlitten,
läßt sich keine Muse bitten,
vergeblich hofft auch seine Nichte
im März auf eine Kurzgeschichte
und als er eine schreiben will,
stoppt Pollenflug ihn im April.

Er wär so gern wie Hemingway
doch dies verwehrt ihm auch der May
und anders als einst Hamsun Knut
macht ihm der Juni keinen Mut.
Im Juli tritt er auf der Stelle
ihm fehlt der Mumm zu ner Novelle
Auch in der Praxis nichts beweist.
daß der August wie Strindberg heißt

Im Herbst ist Blätterfallen Pflicht
Blätterfüllen jedoch nicht.
Vor blanken Seiten der Poet
beklagt, wie schnell die Zeit vergeht,
er plant November ein Gedicht,
sehr optimistisch ist er nicht –
es muß wohl an der Muse liegen,
gern würd er eine neue kriegen.

Doch was zur Zeit im Angebot,
macht kaum die Wangen hoffnungsrot
Drum setzt er, angesichts solch limitierter Damen,
fürs neue Jahr auf wenigstens zwei Dramen,
drei Stories oder besser noch Hartz Vier
– und diese Hoffnung teilen wir.

Der Dichter fühlt sich intellektuell integer,
nur fehlt ihm Vorschuß vom Verleger
Er schreibt ins Poesie-Album:
das Jahr ist rum – sei's drum!
Und er ist stolz auf diesen Reim
– was sollt ihm sonst auch übrig bleim.
Zum Glück ist es ja nie zu spät
für Qualität statt Quantität!

© KarlHeinz Karius

(*1935), Urheber, Mensch und Werbeberater

Quelle: Karius, WortHupferl-Edition, WortHupferl-Verlag