Gedicht zum Thema: Liebe

Die Wächter sind gebändiget
Durch süße Liebestaten;
Doch wie wir uns verständiget
Das wollen wir verraten;
Denn, Liebchen, was uns Glück gebracht,
Das muß auch andern nutzen;
So wollen wir der Liebesnacht
Die düstern Lampen putzen.
Und wer sodann mit uns erreicht,
Das Ohr recht abzufeimen,
Und liebt wie wir, dem wird es leicht,
Den rechten Sinn zu reimen.
Ich schickte dir, du schicktest mir,
Es war sogleich verstanden:

Amarante – Ich sah und brannte.
Raute – Wer schaute?
Haar vom Tiger – Ein kühner Krieger.
Haar der Gazelle – An welcher Stelle?
Büschel von Haaren – Du sollsts erfahren.
Kreide – Meide.
Stroh – Ich brenne lichterloh.
Trauben – Wills erlauben.
Korallen – Kannst mir gefallen.
Mandelkern – Sehr gern.
Rüben – Willst mich betrüben.
Karotten – Willst meiner spotten.
Zwiebeln – Was willst du grübeln?
Trauben, die weißen – Was soll das heißen?
Trauben, die blauen – Soll ich vertrauen?
Quecken – Du willst mich necken.
Nelken – Soll ich verwelken?
Narzissen – Du mußt es wissen.
Veilchen – Wart ein Weilchen.
Kirschen – Willst mich zerknirschen.
Feder vom Raben – Ich muß dich haben.
Vom Papageien – Mußt mich befreien.
Maronen – Wo wollen wir wohnen?
Blei – Ich bin dabei.
Rosenfarb – Die Freude starb.
Seide – Ich leide.
Bohnen – Will dich schonen.
Majoran – Geht mich nichts an.
Blau – Nimms nicht genau.
Traube – Ich glaube.
Beeren – Wills verwehren.
Feigen – Kannst du schweigen?
Gold – Ich bin dir hold.
Leder – Gebrauch die Feder.
Papier – So bin ich dir.
Maßlieben – Schreib nach Belieben.
Nachtviolen – Ich laß es holen.
Ein Faden – Bist eingeladen.
Ein Zweig – Mach keinen Streich.
Strauß – Ich bin zu Haus.
Winden – Wirst mich finden.
Myrten – Will dich bewirten.
Jasmin – Nimm mich hin.
Melissen – Stroh* * * auf einem Kissen.
Zypressen – Will's vergessen.
Bohnenblüte – Du falsch Gemüte.
Kalk – Bist ein Schalk.
Kohlen – Mag der * * * dich holen.
Und hätte mit Boteinah so
Nicht Dschemil sich verstanden,
Wie wäre denn so frisch und froh
Ihr Name noch vorhanden?

Johann Wolfgang von Goethe

(1749 - 1832), gilt als einer der bedeutendsten Repräsentanten deutschsprachiger Dichtung

Quelle: Goethe, J. W., Gedichte. West-östlicher Divan, 1814 - 1819. Noten und Abhandlungenzu besserem Verständnis des west-östlichen Divan. Blumen- und Zeichenwechsel