Gedicht zum Thema: Frühling

Frühlingsanfang.

(2. Kor. 5, 17.
Das Alte ist vergangen,
siehe, es ist alles neu worden.)

Vergebens kämpf' ich
Den heißen Kampf,
Nicht länger dämpf' ich
Des Herzens Krampf.

Verborgne Quellen,
So brecht nur auf,
Ihr Tränenwellen,
Habt freien Lauf!

Hab' lang gerungen,
Den tiefen Schmerz
Hinabgeschlungen
Ins stille Herz;

Die Welt belogen
Mit heitrem Blick,
Mich selbst betrogen
Mit eitlem Glück;

Bin nachgelaufen
Im Torenwahn
Dem bunten Haufen
Auf breiter Bahn,

Den Sinn verloren
In Schaum und Schein,
Das Herz erfroren
Ins Mark hinein;

Bis ich den Jammer
Nicht länger trug,
Und Gottes Hammer
Mein Herz zerschlug.

Da hat die Rinde
So dumpf gekracht,
Wie Eis im Winde
Der Frühlingsnacht.

Was lang verhalten,
Dringt nun hervor,
Aus tiefen Spalten
Steigts warm empor.

Das tiefste Sehnen,
Das ältste Weh,
In heißen Tränen
Quillts in die Höh.

Wo sind die stolzen
Gedanken hin?
Wie Eis geschmolzen
Der starre Sinn!

Was ich gewonnen,
Was ich getan,
Ist all zerronnen
Wie Traum und Wahn.

Ich steh in Zagen,
Ein Kindlein, da,
Und kann nicht sagen,
Wie mir geschah.

Von oben Liebe,
Die lang gelockt,
Von innen Triebe,
Die lang gestockt,

Zu süßen Bächen
Vereinigt jetzt, –
So musste brechen
Das Eis zuletzt. –

O ew'ge Liebe,
Nur immer zu,
Wenn nichts mir bliebe,
So bleibst mir du.

In Tränen walte
Nur ungehemmt,
Bis alles Alte
Hinweggeschwemmt!

Wo Herzen klopfen,
Ist Leben da,
Wo Augen tropfen,
Ist Tröstung nah.

Wenn bis zum Grunde
Mein Herz erweicht,
Dann kommt die Stunde
Des Heils vielleicht,

Wo dem Gefilde
Mit Friedenssaat
Voll Himmelsmilde
Der Sämann naht;

Wenn ausgeweinet
Die Wolken grau,
Dann erst erscheinet
Das Himmelsblau;

Dann tritt die Sonne
Aus dem Gezelt,
Dann dampft in Wonne
Das warme Feld,

Dann girrt im Laube
Mit süßem Laut
Die Turteltaube,
Die Frühlingsbraut:

»Der Schnee ist gangen,
Der Lenz ist da,
Die Blumen prangen,
Hallelujah!«

Karl von Gerok

(1815 - 1890), deutscher evangelischer Theologe und Kirchenliederdichter