Gedicht zum Thema: Benehmen, Manieren

Dichter Rauhbein

Ich traf ihn im ›Roten Schweinskopf‹ beim Bier,
Dort sprach er mit Unverblümtheit.
Nur leider – betrunken schien er mir
Von Alkohol und Berühmtheit.

Flaumbärtige Bursche hockten dabei
Mit blaugetrunkenen Schmissen
Und gröhlten bei jeder Wutzerei,
Wie von der Kuh gebissen.

Dann lauschten sie wieder mit blödem Gesicht
Dem grimmigen Renommieren
Und rauchten Zigarren noch lange nicht
So schlecht wie ihre Manieren.

Er aber schaut stolz in dem Kreis sich um
Und richtet – ob je ichs vergesse! –
Ein grausames Privatissimum
Gratis an meine Adresse:

"Der Mensch soll brav als gesteigertes Vieh
Im Buch der Historie lesen:
Es gab auf Erden kein mächtig Genie,
Das nicht auch ein Flegel gewesen.

Drum ist meine Muse kein zimperlich Weib,
Wie auf alten griechischen Vasen;
Sie hat die robustesten Knochen im Leib
Und putzt sich am Ärmel die Nasen.

Sie ist die frechste Dirne der Stadt;
Doch mich kanns nur erheitern,
Wenn sie struppiges Haar auf dem Kopfe hat
Und Wanzen in ihren Kleidern.

Schmachtlappen und Zierbengeln bin ich fatal
Den Seufzgergigerln ein Grausen;
Ich rekle als einziges Original
Mich unter geölten Banausen.

Ich spuck auf die Liebe, ich schimpf auf den Mai,
Berühmt als Rauhbein und Knote.
Und dieses" – er rülpste – "ich bin so frei,
Ist meine persönliche Note."

Rudolf Presber

(1868 - 1935), deutscher Journalist, Dichter, Dramatiker, Romancier und Erzähler