Gedicht zum Thema: Tochter

Liese

Die Mutter schleppte einst Gemüse,
Und wenn die Kirschenernte kam,
Dann stahl für mich die kleine Liese,
Soviel die kleine Schürze nahm. –
Wie schmausten wir in Feld und Wiese!

Die Mutter hockt vor ihren Körben;
Jetzt ist sie alt, doch froh im Sinn,
Drum prahlt sie vor der Nachbarin:
"Mein Mädel kann ja nicht verderben,
Denn die versteht sich aufs Erwerben
Und legt noch was für später hin!"

Ich hab sie gestern erst gesehen
Ich hab ihr Antlitz gleich erkannt.
Stumm blieb ich in der Menge stehen,
Bis ihrer Rembrandtfedern Wehen
Im Straßenstrudel langsam schwand.
Und konnt nicht von der Stelle gehen,
So hat ihr Dirnenblick gebrannt.

Ludwig Jacobowski

(1868 - 1900), dt. Lyriker, Schriftsteller, Publizist; lebte nach einer harten Jugend in Berlin