Gedicht zum Thema: Natur

Am Waldsaum

Mich führt allmorgen mein Andachtsgang
Durch die leuchtenden Wiesen zum Baum
Am Saum des Walds zu der einsamen Bank,
Sie steht dort als wie im Traum.

Waldboden, schattig, doch sonnfleckenhell,
Du bist hier noch schimmernde Au,
Waldanfang und -Ende durchmurmelt vom Quell,
Dem Auge seligste Schau.

O Grün der Wiesen, o Grün des Walds,
Bin ich denn wert euch zu sehn?
Schweig! rauscht der Wald, lausch uns, so schallt's,
Dann wird dir das Wunder geschehn!

Da kam den sonnigen Wiesenpfad
Ein Weib aus dem Volke daher,
Bekreuzt sich, da sie den Wald betrat
Als ob er die Kirche wär!

So trat sie ins Waldesrauschen hinein.
Doch ich hab' am Waldsaum gekniet:
Du Wiese und Wald, ihr macht mich noch rein!
Eine Träne fällt mir vom Lid …

Hugo Salus

(1866 - 1929), Arzt aus Böhmen und deutschsprachiger Schriftsteller