Gedicht zum Thema: Zunge

Von der Zunge

Das schlimmste Glied, das Menschen tragen,
Ist die Zunge, hör ich sagen.
Die Zunge stiftet manchen Streit,
Entzündet heftgen Haß und Neid.
Was wir Uebels je vernommen
Ist von der Zunge meist gekommen.
Die Zunge stiftet manchen Zorn,
Daß Leib und Seele geht verlorn.
Es haben üble Zungen
Die Guten oft verdrungen.
Die Zunge stiftet manche Noth,
Die Niemand endet als der Tod.
Die Zunge Manchen schändet,
Sie verstümmelt und blendet.
Die Zunge selber hat kein Bein,
Und zerbricht doch Bein und Stein.
Die Zunge wüstet manches Land
Und stiftet Mord und Raub und Brand.
Von der Zunge kommt es meist,
Daß sich Mancher Meineids fleißt.

Wer eine üble Zunge hat,
Die verleitet ihn zu Missethat.
Die Zunge kann die Treue scheiden
Und dem Lieb sein Lieb verleiden.
Die Zunge kann entehren
Und kann Recht verkehren.
Durch die Zunge ists ergangen,
Daß Christus ward ans Kreuz gehangen.
Von der Zunge beides kommt,
Was da schadet, was da frommt.
Für Schande weiß die beste List,
Wer der Zunge Meister ist.
Was Gut und Böses wird vernommen,
Ist von der Zunge meist gekommen.
Wenn die Zunge das Rechte thut,
So ist kein ander Glied so gut.
Ueble Zungen scheiden kann
Liebes Weib von liebem Mann.
Böse Zunge ist ein Gift,
Sagt uns David in der Schrift.
Manche Zunge müßte kürzer sein,
Ging es nach dem Willen mein.

Freidank (Vrîdanc)

(um 1170 - um 1233), auch Vrîgedanc, bürgerlicher Schwabe, Kreuzzugteilnehmer 1228/29, Verfasser des Lehrgedichts »Bescheidenheit«

Quelle: Freidanks 'Bescheidenheit'. Ein Laienbrevier. Neudeutsch von Karl Simrock, 1867