Gedicht zum Thema: Wunder

Wunderglauben

Nach Wundern fragst du, blindes Volk,
Das Unsichtbares sehen will?
Was Knabenwitz natürlich nennt,
Hast du es schon erfaßt?

Daß über dir der Himmel sich
Mit hunderttausend Sternen dreht,
Und Sonn- und Mondenschein gebiert,
Das ist der Wunder eins.

Daß auf den Boden unter dir,
Den keine Schwelle trägt und hält,
Du fest und sicher treten kannst,
Das ist der Wunder eins.

Daß du mit Sinn und Lebenslust
Hervor aus Mutterleibe gingst.
Und jeden Morgen neu erwachst,
Das ist der Wunder eins.

Daß stärker, als Magneten-Zug,
Der Liebe süße Siegesmacht
Die Seelen aneinander drückt.
Das ist der Wunder eins.

Nach Wundern fragst du, blindes Volk?
Bedenke, daß du Etwas bist,
Und Gut und Böses wollen kannst!
Und frage fürder nicht!

Friedrich Ludewig Bouterweck

(1766 - 1828), auch Friedrich Bouterwek, deutscher Philosoph und Schriftsteller, debütierte unter dem Pseudonym Ferdinand Adrianow im Musenalmanach von August Bürger