Gedicht zum Thema: Welt

Für meine Söhne

Hehle nimmer mit der Wahrheit!
Bringt sie Leid, nicht bringt sie Reue;
doch, weil Wahrheit eine Perle,
wirf sie auch nicht vor die Säue.

Blüte edelsten Gemütes
ist die Rücksicht; doch zu Zeiten
sind erfrischend wie Gewitter
goldne Rücksichtslosigkeiten.

Wackrer heimatlicher Grobheit
setze deine Stirn entgegen;
artigen Leutseligkeiten
gehe schweigend aus den Wegen.

Wo zum Weibe du nicht die Tochter
wagen würdest zu begehren,
halte dich zu wert um gastlich
in dem Hause zu verkehren.

Was du immer kannst, zu werden,
Arbeit scheue nicht und Wachen,
aber hüte deine Seele
vor dem Karrieremachen!

Wenn der Pöbel aller Sorte
tanzt um die goldnen Kälber,
halte fest: du hast vom Leben
doch am Ende nur dich selber.

Theodor Storm

(1817 - 1888), Hans Theodor Woldsen Storm, deutscher Jurist, Dichter und Novellist