Gedicht zum Thema: Schaden

XCIV

Wer macht zu schaden hat und schränkt sie ein,
Wer das nicht tut was meist er trägt zur schau,
Wer andre rührend selber ist wie stein
Unrührbar kalt und bei versuchung flau:

Der nimmt mit recht besitz von himmels gaben,
Und spart der erde schatz dass er nicht schwinde,
Der darf sein gut als herr und eigner haben –
Die andern sind nur seiner pracht gesinde.

Des sommers blume ist dem sommer lieb,
Sie, ob auch nur für sich frisch oder tot,
Jedoch befällt die blume schnöder trieb,
Wird von dem ärmsten gras ihr glanz bedroht.

Denn süssestem ist herbster fall gemäss.
Lilie die fault riecht übler als gegräs.

William Shakespeare

(1564 - 1616), englischer Dichter, Dramatiker, Schauspieler und Theaterleiter

Quelle: Shakespeare, Sonette (Sonnets), 1609. Übersetzt von Stefan George, 1931