Gedicht zum Thema: Hände

Auf eine Hand

Die Hand, die zitternd in der meinen lag
Am Maientag, als weit die Amseln sangen,
Die heimlich mir ein unbewußt Verlangen,
Im Garten einst die frische Rose brach.

Die mir, wenn staubbedeckt der heiße Tag
In Mannespflicht und Arbeit war gegangen,
Am weißen Arme blitzten goldne Spangen,
Den kühlen Trunk kedenzte im Gemach.

Die liebestill manch Hindernis entrückte
Und breite Sorgenströme überbrückte,
Die treue Hand, die schöne, anmutreiche.

O laß sie ruhn einst auf meinem Herzen,
Wenn ich verlasse dieses Land der Schmerzen,
Daß ich gesegnet bin, wenn ich erbleiche.

Detlev von Liliencron

(1844 - 1909), eigentlich Friedrich (Fritz) Adolf Axel Freiherr von Liliencron, deutscher Lyriker des Impressionismus und Naturalismus

Quelle: Liliencron, D., Gedichte. Ausgewählte Gedichte, 1922