Gedicht zum Thema: Sterben

Abschied

Du nimmst als Strebenden
Den kranken Mann,
Siehst als noch Lebenden
Den Todten an.
O rufe nicht zur Wehr,
Mich nicht zum Thun;
Mir ziemt kein Kämpfen mehr,
Mir ziemt nur Ruhn.

Lieg ich im Bette hier
Wie in der Gruft,
Steigt der Gedanke mir
Hoch in die Luft;
Ich überschau' als Schwan
Mit Vogelblick
Des Lebens wirre Bahn
Und mein Geschick.

Nicht war, was ich geschafft,
Allwege gut.
Ach, bald gebrach's an Kraft
Und bald an Muth.
Hier von des Glückes Huld
Ward ich begrüßt;
Dort hab' ich eigne Schuld
Wie schwer gebüßt.

Das, halb im Traume, geht
An mir vorbei,
Mein Leben ist verweht,
Und ich bin frei.
Was blieb dir, Seele, nun,
Als daß mit Ernst
Du in dir selber ruhn?
Du sterben lernst?

David Friedrich Strauß

(1808 - 1874), auch Strauss, deutscher evangelischer Philosoph, Theologe und Erzähler, beschäftigte sich intensiv mit menschlichen Ängsten und Identitätskrisen

Quelle: Strauß, D. F., Gedichte. An Rapp, 1873. Originaltext