Gedicht zum Thema: Silvester

Beim Jahreswechsel

Es hallet dumpf die zwölfte Stunde,
Es naht der wicht'ge Augenblick; –
Denn auf der ganzen Erdenrunde
Dreht wechselnd jetzt sich das Geschick.
Wir steh'n am Eingang neuer Zeiten,
Wir schauen vorwärts ahnungsschwer;
Uns mag Vertrauen nur begleiten
Hinaus in's wilde Lebensmeer.
Was wird das neue Jahr uns bringen? –
Manch Hoffen, Täuschen und Gelingen!

Die Urne steht noch fest verschlossen,
Worin das Loos des Schicksals ruht;
Sie ist vom Hoffnungsstrahl umflossen,
Und jeder harrt mit frohem Muth.
Doch, wie das alte Jahr heut endet,
So öffnet sich der Urne Schooß
Und Leid und Freude wird gespendet,
Durch das verhängnisvolle Loos;
Saturnus hält es fest in Händen,
Und was uns traf, wird er uns spenden.

So mag das alte Jahr denn schwinden,
Vergessen sei manch bitt'res Leid;
Das neue soll uns muthig finden,
Zum Kampf des Lebens stets bereit.
Und alles Bangen, Fürchten, Zagen,
Das uns das alte Jahr vermacht:
Wir woll'n es nicht in's neue tragen,
Das freundlich uns entgegen lacht.
Drum froh hinaus! die Bahn ist offen!
Nur festen Muth! und Glauben! Hoffen!

Heinrich Martin

(1818 - 1872), deutscher Schriftsteller, Pseudonym für Heinrich Martin Jaenicke

Quelle: Martin, Gedichte (2. Auflage von 'Sonnenblumen und Nachtschatten'), 1870. Originaltext