Gedicht zum Thema: Vernunft

Und aus dem dichten Geisterkreisen
Tritt eine andre Schar hervor:
Mit Roll und Griffel sinds die W e i s e n ,
Der Philosophen ernster Chor,
Hier Plato mit der Denkerstirne,
Dort Voltaire mit dem Spötterwitz;
Sprecht, fandet ihr im Menschenhirne
Der Wahrheit königlichen Sitz?

Wohl gabt ihr uns in Finsternissen
Manch schönen Funken edlen Lichts,
Doch eurer Weisen höchstes Wissen
War stets zuletzt: wir wissen nichts!
Verschlossen für die Geistigarmen
Blieb eure hochgeborne Zunft,
Kein darbend Herze konnt erwarmen
An eurem Lampenlicht „Vernunft“.

Nun, ihr Entdecker und E r f i n d e r ,
Die ihr des Erdballs Bau durchspäht,
Ihr friedlichen Weltüberwinder,
Heran mit Stab und Messgerät!
Kolumbus mit der Martyrkrone,
Im Sternenkranz Kopernikus,
Und Humboldt, dem die fernste Zone
Des Kosmos sich entschleiern muss.

Zieht aufrecht hin! – ihr habt gezügelt
Das Element im heißen Kampf,
Ihr habt der Menschheit Bahn beflügelt
Mit Windeshauch und Feuerdampf,
Ihr führt das Wort mit Blitzesschnelle
Von Pol zu Pol am Eisendraht;
Doch zu des Paradieses Schwelle
Zeigt keiner mir von euch den Pfad.

Karl von Gerok

(1815 - 1890), deutscher evangelischer Theologe und Kirchenliederdichter

Quelle: Aus dem Gedicht »Sind das die Knaben alle?«, 1854