Gedicht zum Thema: Winter

Winterlied

In dieser strengen Winterzeit
Wie traurig liegt das Land,
Wie schläft die Welt so tief verschneit,
Als wie im Sterbgewand!

Kein Vöglein singt den Frühgesang
Und zirpt sein Schlafgebet;
Kanm daß es unterm Schnee sich bang
Sein kärglich Korn erspäht.

Kein Blümlein blüht im grünen Gras
Mit bunter Farbenpracht,
Der Frost nur malt ans Fensterglas
Eisblumen über Nacht.

Kein Büchlein kommt mit muntrer Hast
Vom Berg ins Thal gehüpft,
Kaum daß es unter Eiseslast
Geduckt vorüber schlüpft.

Und doch — so öde Wald und Feld,
So trübe Flur und Au:
Da droben glänzt das Himmelszelt
In unverblichnem Blau.

Und Morgenrot und Abendrot
Erblühn am Firmament,
Daß, rings von Flammen überloht,
Der weite Himmel brennt.

Und nächtlich glänzt der Himmelsraum
Mit Sternen übersät,
Als wär der Welt ein Weihnachtsbaum
Von Gottes Hand erhöht.

Erhöht von eines Vaters Hand,
Die große Dinge thut
In Winterfrost und Sommerbrand,
Und meint es allzeit gut.

Drum küsse sie, o Menschenkind,
Des großen Vaters Hand,
Und sei nicht kalt und stumm und blind
Wie ein erfrornes Land!

Und wenn, verscheucht von Schnee und Eis,
Kein Vöglein Lieder singt:
Was hindert's, daß zu Gottes Preis
Dein Lied sich aufwärts schwingt?

Und wenn der muntre Wiesenquell
Zu Stein und Bein gefror:
Was schadet's, stammt nur warm und hell
Dein Herz zu Gott empor!

Und mag, umsaust vom rauhen Nord,
Im Feld kein Blümlein blühn:
Was thut's, blüht nur im Herzen fort
Der Andacht Immergrün!

Begrub im Schnee der Winterwind
Die Straßen weit und breit:
Nie wird der Weg, o Gotteskind,
Zum Vater dir verschneit!

Karl von Gerok

(1815 - 1890), deutscher evangelischer Theologe und Kirchenliederdichter