Gedicht zum Thema: Unwissenheit

Was mich einmal faszinierte

Was mich einmal faszinierte,
Ist jetzt wie abgelegtes Spielzeug.
Was mich anfeuerte,
ist jetzt nur ein zahmer Ruf von der Seitenlinie.
Was mich begeisterte, hat sich entleert
und langweilt mich.
Was ich kaum erwarten konnte,
liegt jetzt vergessen hinter mir.
Was unüberbrückbar schien, ist eine geebnete Staße,
auf der ich Fußspuren hinterlasse.
Ich habe alles geliebt, was ich überwunden habe.
Nur was ich geliebt habe, konnte ich überwinden.
Es war sogar die Liebe und das Feuer in den Situationen,
die mir halfen, sie zu überwinden.
Nur weil ich etwas wusste,
weiß ich jetzt um so mehr nicht.
Nichts ist so meine Chance wie meine Unwissenheit.
Sie öffnet mir Türen, die ich nicht kannte.
Nicht der Einäugige,
sondern der Blinde
ist König im Reiche der Fantasie,
weil er sieht, was sein könnte.

© Ulrich Schaffer

(*1942), Fotograf und Schriftsteller