Gedicht zum Thema: Verstand

Mein Hausverstand
(Todesanzeige.)

Freunde, da dem nimmersatten
Tod der Zwerg verfiel als Beute,
Der mir stets gefolgt bis heute,
Wie mein Schatten,
Kommt, damit wir ihn bestatten.

Schwer gebüßt hat das besagte
Opfer dieses Todesfalles,
Daß es stets mich über alles,
Eh ich fragte,
Naseweis zu tadeln wagte.

Wenn die Welt mich hoch gepriesen,
Ward ironisch zwar der Flegel;
Doch er hat sich in der Regel
Neben diesen
Fehlern recht honett erwiesen.

Ging ich aus auf Abenteuer,
Harrt' er mein mit trüber Miene,
Kam ich, saß er am Kamine
Wie ein treuer
Diener da und schürte Feuer.

Seine Grobheit jüngst verriet er,
Als ich heimkam spät vom Schmause,
Und ich rief: „Bin ich im Hause
Nicht Gebieter?"
„Ja", sprach er, „doch ich bin Mieter!"

Da er so begann zu pochen,
Warf ich ihn in meinem Hasse
Ohne weiters auf die Gasse,
Daß die Knochen
Des Genickes ihm gebrochen.

Auf der Straße mit dem Besen
Stand ein Weib und rang die Hände,
Schrie und heulte ohne Ende:
Dieses Wesen
Sei mein Hausverstand gewesen.

„Sei's!" sprach ich; „er hätte, dächt' ich,
Doch des Lebens schwerste Thesen
Kaum gelöst; sein ganzes Wesen
War zu schmächtig
Und die Welt zu niederträchtig."

Heinrich Leuthold

(1827 - 1879), Schweizer Dichter und Epiker, Mitglied des Münchner Dichterkreises und Übersetzer französischer Lyrik