Gedicht zum Thema: Geben

Ausgebrannt
(Burn Out)

Du bist von dir nur noch ein Schein.
So müde wirkt dein Gang.
Und musst ein Übermensch doch sein;
das Tagwerk ist so lang, so lang.

Abgetaucht die Illusionen
in eine finst’re ferne Welt,
wo alle Farben längst schon wohnen
und niemals sie ein Licht erhellt.

Willst und kannst nicht mehr beginnen,
was ja doch kein Ende hat.
Rennst und eilst fast wie von Sinnen
auf einem ganz, ganz schmalen Grat.

Unendlich viele Hände suchten
dich zu zerren ohne Halt.
Ringsum felsig steile Schluchten
und dir ist kalt, so kalt, eiskalt.

Du weißt, dein eig’nes Leben läuft
längst einen völlig ander’n Steg.
Ein riesig Muss ist angehäuft
und du willst weg, nur weg, weit weg.

Wagst schnell mal einen Schritt zur Seite,
willst einmal nur du selber sein!
Vor dir liegt blühend schöne Weite,
du mittendrin, allein. Allein!

Doch bitten tausend schwache Augen
und weichen auf dein festes Ziel.
Die großen Schritte noch nicht taugen,
denn hinter dir liegt viel, so viel.

Noch läuft das Hamsterrad im Leeren.
So schön kann doch das Leben sein!
Momentaufnahme! Willst dich wehren
und steigst doch wieder ein, schnell ein.

Und es dreht sich Rund‘ um Runde
pflichtbewusst stets ohne Rast
die Maschine Stund‘ um Stunde
ungebremst voll Hast, voll Hast.

Stahlharte Hand hält dich gefangen,
lässt keinen Sonnenstrahl zu dir.
Soll etwas Blau ins Rad gelangen,
hält sie fest zu die Tür, die Tür.

Bis stille steht das runde Gitter.
Die Achse bricht. Nun bist du frei.
Schmeckt Freiheit süß? Schmeckt Freiheit bitter?
Zu spät gefragt, es ist vorbei.

Es gibt kein grenzenloses Geben
und selbst die größte, stärkste Hand,
die stets nur gibt ein ganzes Leben,
ist irgendwann auch ausgebrannt.

© Gabi Künzel

(*1964), Schriftstellerin