Gedicht zum Thema: Leben

Lebenslied.

Steh und falle mit eignem Kopfe,
Thu das Deine, und thu es frisch!
Besser stolz an dem irdnen Topfe
Als demüthig am goldnen Tisch:
Höhe hat Tiefe,
Weltmeer hat Riffe,
Gold hat sorgliches Schlangengezisch.

Bau dein Nest, weil der Frühling währet,
Lustig bau’s in die Welt hinein.
Hell der Himmel sich droben kläret,
Drunten duften die Blümelein –
Wagen gewinnet,
Schwäche zerrinnet:
Wage! dulde! die Welt ist dein.

Steh nicht horchend was Narren sprechen;
Jedem blüht aus der Brust sein Stern.
Schicksal webt sich an stygischen Bächen,
Feigen webt es sich schrecklich fern:
Steige hinnieder!
Fasse die Hyder!
Starken folget das Starke gern.

Wechselnd geht unter Leid und Freuden
Nicht mitfühlend der schnelle Tag;
Jeder suche zum Kranz bescheiden,
Was von Blumen er finden mag;
Jugend verblühet,
Liebe verglühet:
Lebe! halte! doch lauf nicht nach.

Ernst Moritz Arndt

(1769 - 1860), deutscher Professor für Theologie und Verleger, wegen seiner antinapoleonischen Flugschrift "Geist der Zeit" von 1806 bis 1809 im Asyl in Stockholm

Quelle: Arndt, E. M., Gedichte. Aus: Lebenslied, 1840