Gedicht zum Thema: Abend, Nacht

Da sind die Straßen ...

Da sind die Straßen weit und Licht-durchschrieen,
hoch wölkt der Staub und breitet aus den Schein,
durch den gehetzt Kolonnen Wagen fliehen
in violette Dunkelheit hinein.

Und Menschen, massenhaft und schwarz, durchstürmen
die Straßen, vorgebeugt und frongebannt.
Und Feierabend läutet von den Türmen
der Stadt, verloren, hoch und unerkannt.

Lärm stößt an Lärm. Schmerzhelle Klingeln schellen,
zersägend das Gehör. Wagen mit Eisen
erschüttern. Die Elektrische mit grellen
Schleiftönen nimmt die Kurve in den Gleisen.

Und meiner Nerven Netz, so fein besaitet,
drin Perlen hängen aus dem ewigen Meer:
es ist als Teppich in den Staub gebreitet,
und gräßlich wälzt der Tag sich drüberher.

Ernst Wilhelm Lotz

(1890 - 1914 (an der Westfront gefallen)), deutscher Lyriker des Expressionismus

Quelle: Lotz, Und schöne Raubtierflecken …, 1913