Gedicht zum Thema: Krankenhaus

Irrenhaus

Hier ist Leben, das nichts mehr von sich weiß –
Bewußtsein tausend Klafter tief ins All gesunken.
Hier tönt durch kahle Säle der Choral des Nichts.
Hier ist Beschwichtigung, Zuflucht,
Heimkehr, Kinderstube.
Hier droht nichts Menschliches. Die stieren Augen,
Die verstört und aufgeschreckt im Leeren hangen,
Zittern nur vor Schrecken, denen sie entronnen.
Doch manchen klebt noch Irdisches
an unvollkomm'nen Leibern.
Sie wollen Tag nicht lassen, der entschwindet.
Sie werfen sich in Krämpfen,
schreien gellend in den Bädern
Und hocken wimmernd und geschlagen
in den Ecken.
Vielen aber ist Himmel aufgetan.
Sie hören die toten Stimmen aller Dinge
sie umkreisen
Und die schwebende Musik des Alls.
Sie reden manchmal fremde Worte,
die man nicht versteht.
Sie lächeln still und freundlich so wie Kinder tun.
In den entrückten Augen,
die nichts Körperliches halten, weilt das Glück.

Ernst Stadler

(1883 - 1914 (gefallen)), Ernst Maria Richard Stadler, deutscher Schriftsteller, Wegbereiter expressionistischer Lyrik und Übersetzer u.a. französischer Literatur

Quelle: Stadler, E., Gedichte. Der Aufbruch, Erstdruck 1914. Die Spiegel