Gedicht zum Thema: Architektur

Das Lied der Straßen

Werke sind wir eurer Hochgedanken,
Mühsam werden wir durch eure Hände –
Aber nur den Anfang, nicht das Ende
Gebt ihr uns – denn wir sind ohne Schranken!

Leblos scheinen wir wie Stein und Mauer
Unter Sonnenbrand und Sturmeshieben.
Doch wir leben! Denn wir können lieben,
Und wir liegen immer auf der Lauer!

Aber Freunde sind wir lieber, Gatten,
Eingeweihte aller Heimlichkeiten –
Eurer Fenster späte Schimmer gleiten
Über uns und alle eure Schatten.

Eure Dirnen, Bresthaften und Armen,
Die um falscher Ordnung willen schmachten,
Und die Einsamen, die euch verachten,
Suchen uns – denn wir sind das Erbarmen!

Und wir dulden eure Narrenzüge,
Eurer harten Füße blindes Treten
Hinter Heiligen und Trugpropheten,
Euren Götzendienst vor Macht und Lüge.

Siegeszeilen eurer Schlachtenlenker,
Bühnen demagogischer Gelüste,
Tragen wir Triumphe, Blutgerüste,
Krönen heute und sind morgen Henker.

Und wir dauern noch, wenn längst zunichte
Eure Macht von Fürsten und Tribunen –
Andre Völker deuten dann die Runen
Unserer Steine – wir sind die Geschichte!

Anton Wildgans

(1881 - 1932), österreichischer Jurist, Dramatiker und Lyriker; 1921/22 und 1930/31 Direktor des Wiener Burgtheaters, der nach ihm benannte A.-Wildgans-Preis kommt jüngeren österreichischen Autoren zugute

Quelle: Wildgans, Gedichte. Herbstfrühling, 1909