Gedicht zum Thema: Weihnachten

Glöckners Weihnachtsabend
Ballade

Ton meiner Glocke, durchdringe die Welt!
Schwing dich auf Flügeln über schneeweißes Feld.
Dein Ruf ertöne mit klingender Macht:
Heute, ihr Menschen, ist geweihete Nacht!

Es hängt sich des Glöckners gealterte Kraft
in die Seile. Gleich schäumendem Saft
wallt in dieser Stunde sein Blut,
wie es alljährlich am Christabend tut.

Siebenzig Jahre, so lange ist´s her –
Dem Buben erschienen die Seile so schwer,
dem jungen Mann waren sie leicht…
nun ist das achtzigste Jahr schon erreicht!

Der Turm war ihm Heimat, die Glocke
sein Lieb, das in ehernem Rocke
zum Takt seiner Händ im Tanze sich dreht
und den treuen Geliebten niemals verrät.

So gingen die Jahre, sein Rücken wurd krumm;
schwach ward der Geist, so sei es denn drum!
Er wollte nicht scheiden, er blieb, wo er war,
und unten im Tale hieß er: der Narr!

Er spähte von oben herab in das Land,
wo – einstmals vor Jahren – sein Elternhaus stand.
Die Augen erhob er zum himmlischen Zelt
und vergaß somit den Lärm feindlicher Welt.

Heute ist Christnacht – er hängt an dem Tau…
Die Glocke erdröhnt. Dazwischen genau
hört er die himmlischen Engelein singen
von Christkinds Geburt und ähnlichen Dingen.

Die Arme, die einstmals voll Kraft und so forsch
sind heute erlahmt, und die Seile sind morsch.
Er lächelt, in seinen Augen schimmernder Glanz…
bei der Glocke Schwingen in glücklichem Tanz.

Da – die Stricke zerreissen – in finsterstes Grab
stürzt der Glöckner vom Dachstuhl herab.
Die Dielen zerbrachen, gab nirgendwo Halt.
Es riss ihn hinweg mit dumpfer Gewalt.

Doch wie er da lag, den Tod im Gesicht,
erblickte er plötzlich ein leuchtendes Licht,
und mit Gesang, ganz zart und ganz lind
kamen viel Engel samt dem himmlischen Kind.

Sie hoben den Alten so mühlos und leicht
und hatten schnell die Himmelspforte erreicht.
Sie trugen ihm gradwegs vor göttlichen Thron,
und Allvater fragt: „Wen bringst du, mein Sohn?“

Da lispelt das Kind mit lächelndem Klang,
dass rings die Schar Engel aufs Knie niedersank:
„Ich bringe den Glöckner, man nennt ihn den 'Narr',
der wohl dein treuester Diener stets war.

Der Ton seiner Glocke erfüllte die Welt.
Er war seinem Gotte zum Ruhme bestellt.
Und nun sich erfüllte sein irdischer Lauf,
nimm du ihn, mein Vater, im Himmel jetzt auf!“

Es lächelt der Herrgott auf güldenem Thron:
„Dir ward ein guter Fürsprech mein Sohn.
Dein Leben war niemals jemand zum Schaden
und ein Narr warst du von meinerseits Gnaden.“

Da sprühten die Sterne auf Gottes Geheiß;
es sangen die Englein ganz zart und ganz leis';
goldene Sterne vertropften wie Regen
und bedachten die Erde mit göttlichem Segen.

Und dort unten, da sah man die Pracht.
Es strahlten die Sterne in tiefdunkler Nacht.
Doch niemand dort wußt, so klug er sich deuchtet,
dass droben des Türmers Weihnachtsbaum leuchtet.

© Tilly Boesche-Zacharow

(*1928), deutsche Schriftstellerin

Originaltext