Gedicht zum Thema: Hilfe

Denen Deine Liebe – Allen Hülfe

Hilf Andern, bitt' ich dich auf meinen Knieen,
Hilf allen Anderen zu deinem Heil!
Was hülf' es dir allein, ein Gott zu sein,
Die Sonne, die auf Elend niederlacht!
Was hülf' es, weise dir allein zu sein.
Wenn Andre noch im Irrthum rings ersticken.
Sich alle Tage, alle Stunden schaden.
Den Andern gräßlich schaden, wider Willen
Dir schaden, dich in Sklavenkreise bannen.
In denen du mit ihnen liegen mußt.
Weil sie darinnen liegen. Glaub', o glaube:
Nicht Einer ist je frei – als nur zum Tode;
Die Freiheit ist der Tag, der Tag für Alle,
Nur alle, alle sind mit Ehren frei,
Nur alle, alle sind mit Ehren weise –
Die Weisheit ist dem Einen tiefster Kummer:
Sie sieht die Schrecken, sieht das Unglück erst
Mit reinen Augen aus dem klaren Geiste!
Weh einem Menschenherzen in der Welt,
Das wähnte, glücklich ganz allein zu sein.
Allein mit Weib und Kind in seinem Hause!
Kein Mensch allein ist glücklich, als ein Schelm,
Ein leichter Thor, ein frevelhafter Spötter;
Und ist der glücklich, ohne Herz und Sinn?
Das größte Unglück ist: das Unglück sehn,
Und selbst nicht helfen … selbst nicht helfen können.
Die größte Thorheit ist: verschloss'ne Weisheit
Im Haupt; die schärfste Feuerqual ist Liebe
Im Herzen wie in Mauern eingekerkert.
Ein jeder Dulder ist dem Glücklichen
Ein Schimpf; ein Vorwurf ist ein jeder Thor
Dem Weisen, und ein jeder Arme ist
Dem Reichen ein Gespenst auf seinem Golde.
Dem freien Menschen ist ein jeder Sklave
Ein Stich ins Herz, und eine Thräne Blut
Aus seinen Augen! — Darum irre nicht:
Selbst auf dem Throne giebt es keinen Freien,
Wo noch ein Sklav' im ganzen Lande ist,
Der ihm erscheint und seine Ketten schüttelt!
Nicht einen Reichen giebt es, der da froh
Sich reich fühlt, da wo Menschen noch verhungern!
Ein Weiser ist wie nicht da, wo die Thoren
Noch herrschen, hochgeehrt und mächtig sind!
Denn ihnen allen sind die hohen Güter,
Die Freiheit und die Weisheit und der Reichthum,
Nur Qual und Trauer, Schande, Noth und Pein,
Und werden ihnen täglich größres Unglück.
Hilf Andern! bitt' ich dich auf meinen Knieen.
Schon helfen wollen, ernstlich helfen wollen.
Läßt dir die Noth vor deinem Auge mildern,
Und zaubert dir den Menschen hin, dem du
Zu helfen brennst! Und thust du, thust du alles,
Was dir zur Hand ist, was in deiner Macht steht,
So ist dir wohl, so fühlst du dich gelabt.
Sieh' nur das kleine Knäbchen an! Es hat
Mit seinen kleinen Armen, seinen Händchen
An meiner Seite Feuer löschen helfen.
Und auf die letzten fernen Kohlen nur
Sein Kännchen ausgegossen. Sieh', es schwitzt
Von seiner Arbeit und von Feuerglut –
Und wie ein tapfrer Held schon steht es da
Und seine Augen funkeln ihm vom Geiste,
Der es zu retten trieb, und sättigt es mit Freude.
Doch wird ein ganzes Volk von Helfenden
Im ganzen Lande, welch' ein Geist erscheint da!
Welch' süße Arbeit und welch' satte Freude!
Da wird ein jedes Elend ausgegossen,
Da werden Thürme brennend eingerissen.
Da wird ein jedes arme Kind errettet;
Da wird den Menschen Bahn gemacht zu leben;
Die Hülfe giebt das Leben nie, nur Mittel
Dazu, denn leben muß ein Jeder selbst.
Ameisen lieben sich doch nicht, fürwahr nicht.
Und dennoch wohnen, leben sie einander
Beisammen, und wo ein' auf ihrer Straße
Im Wald' der anderen begegnet – gleich
Unnachgefragt hilft sie ihr ihre Raupe
Mit aller Leibeskraft ins Sichre bringen;
Noch Andre kommen, und wie Zimmerleute
Froh tragen sie – für sie den großen Stamm –
Das kleine Aestchen, froh gemeinsam hin;
Jedwede eilt dann fort den eignen Gang
Und hilft auf anderm Wege wieder Andern,
Und Andre helfen ihr aus Leibeskräften,
Selbst mit Gefahr des Lebens, ohne Dank.
Und dennoch lieben sie sich nicht; sie sind
Ameisen alle nur, aus einem Hause.
So sind die Menschen all' aus einem Hause –
Der Erde, und sie helfen sich in Andern,
Zu wohnen und zu leben, Menschen würdig.
Zum Helfen brauchst du nicht die heil'ge Liebe,
Die wahre, die den Deinen nur gehört.
Und die du keinem Andern schenken könntest.
Auch wenn du wolltest; denn dein Herz verbietet
Dir das, die Einem froh geschworne Treue.
Unmöglich ist dem Einen, Alle lieben,
Die fernen und die unbekannten Menschen.
Die liebt der Mensch nur, die er sich erschaffen
Durch seine Liebe: Mann und Weib und Kinder.
Doch ist dadurch kein andrer Mensch beschädigt;
Das ganze Volk entbehret dadurch nichts.
Nicht Kummer macht das ihm, es kennt dich nicht.
Ein Jeder überall ja liebt die Seinen,
Die Andern ehrt er, schätzt sie hoch als Menschen.
Du hilfst dem Räuber, der ertrinken will,
Dem kranken Mörder – den du doch nicht liebst;
Ihn liebt nur seine Frau noch, seine Kinder.
Du hilfst dem Maulthier, das du doch nicht liebst;
Du liebst den Hund nicht, und du hilfst ihm doch.
So hilf dem Menschen auch, den du nicht kennst.
Nicht liebst, den du nur siehst als hülfbedürftig.
Besteh' die Hülfe auch worin sie wolle:
Auch in dem Stocke nur für einen Lahmen,
Und für den Blinden nur in einem Führer,
Das ist ihm alles! Alles hilfst du ihm.
So ist ein Wassertrunk dem Sterbenden
Die ganze Welt, die du ihm reichst im Kruge.
Zum Helfen braucht es nur Gerechtigkeit,
Nur klare Einsicht, wohlverstandne Klugheit
Für dich und deine Seele; daß du dir
Die bittre Scham ersparst: Du seist kein Mensch:
Ein Stein! mit steinern'm Herzen, steinern'n Händen!
Du hab'st nicht Augen, die den Armen sähen.
Nicht Ohren für verlass'ner Kinder Klagen,
Nicht für des Kranken schwaches leises Stöhnen –
Du wüßtest deine Habe edler, besser
An Speis' und Wein, an Tanz und Spiel zu wenden.
Wenn du sie nicht bei deiner Lebenszeit
Auf Zinsen von dem Gotte legst … du würdest
Dir jeden Kreuzer mit in' Himmel nehmen.
Und Haus und Bäume, Hirten, Hürd' und Heerde –
Wie Kinder mit in' Sarg ihr Spielzeug nehmen.
Gebrochne Bäume heilt der Gärtner nicht,
Die eine leichte Stütze schon gerettet!
Du aber rettest oft den armen Kranken
Mit einem Groschen grad' zu rechter Zeit,
Der mehr ihm werth ist, als die ganze Sonne
Und alle Menschenherzen rings von Stein.
Dem morgen todten Armen hilft kein Brot-Berg,
Nicht Schüsseln voller Speis' an seinem Grabe;
Der Tod nun machte dich ihm überflüssig!
Drum nimm die Augenblicke wahr, zu helfen.
Die Zeit der Hülfe trifft das Uebel tödtlich.
Wo er mit Wenigem am meisten hilft.
Da wehrt der Mensch zugleich der größten Noth!
Da hat er glücklich recht die Zeit getroffen!
Drum giebt dem Guten seine Tüchtigkeit
Erst treue Menschenkenntniß heil'ger Kummer,
Sich zu wissen und den Augenblick,
Wo er mit kleiner Gabe Wunder thut!
Ja, mit der leeren Hand schon, die er einem
Schon Sinkenden vom Rand des Ufers reicht.
Und wie belohnt sich dir das Gute thun!
Hilfst du, und helft ihr Alle, Arm' und Schwache
Ernähren, und Gesunde durch die Arbeit
Erhalten – so befällt sie Krankheit nicht.
Befällt sie nicht der schwarze Tod – und du.
Du bleibst am Leben am gesunden Orte.
Hilfst du des Nachbars Schobendach bewahren.
So brennt daneben dein Pallast nicht an!
Was du den Kindern um dich her gelehrt,
Geht deinen Kindern einst zu gut von ihnen!
Du selber lebst erst froh und menschenwürdig,
Wenn du zufriedne Menschen um dich siehst,
Nicht Kranke, Arme, die in Lumpen betteln;
Das macht dich selbst zum ganz elenden Menschen:
Du siehst in ihnen dich in deinem Spiegel,
Des Gottes Ebenbild als Bild des Todes. –
Hilf Andern, also hilfst du dir zugleich!
Und tausendfach wird dir dafür geholfen!
Seist du nun reich, ja seist du selbst recht arm.
Wenn du geholfen hast, so weit du reichst,
Und dir dann heimlich eine Thräne noch,
Selbst arm, vom Auge rinnt … vielleicht gewährt
Ein Andrer sie, und hilft! Vielleicht, gewiß
Gewahrt sie Gott, und hilft. Denn stumme Klagen
Des Menschen, und erst eines ganzen Volkes,
Sie schrein zu Gott um Hülfe! Und er hilft!

Leopold Schefer

(1784 - 1862), deutscher Lyriker, Novellist und Komponist

Quelle: Schefer, Hausreden von Leopold Schefer, Druck und Verlag Gebrüder Katz, Dessau 1855. Originaltext