Gedicht zum Thema: Kunst, Künstler

Nachtwache

Es brennt mein Licht die ganze Nachte,
Es steht mir gegenüber, wacht
Bei mir, dem Gott-Verlassenen
Vergessenen, Verlassenen.

An meiner Wiege die Göttin stand,
Sie weihte die Hand mir zur Künstlerhand,
Auf daß ich mit erzenem Griffel schrieb'
Ins goldene Buch der Menschheit.

Doch als die Stolze vonhinnen ging,
Da nahte das Weib, von Ansehn gering,
Ein Bettelweib im Baumwollrock
Verfluchend, was Erstere weihte.

Drum brennt mein Licht die ganze Nacht,
Weil in der Nacht meine Seele erwacht,
Vor meinem Lager den Kampf der Frauen,
Den traurigen, mitanzuschauen.

Ludwig Scharf

(1864 - 1938), deutscher Lyriker, sein Gedichtband »Lieder eines Menschen« gilt als eines der wichtigsten lyrischen Werke des Naturalismus

Quelle: Scharf, Gesammelte Lyrik und Prosa. Mit einer Auswahl aus dem Briefwechsel. Herausgegeben von Walter Hettche, Aisthesis Archiv 16, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2011. Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis des Aisthesis Verlags. Tschandala-Lieder (1905)