Gedicht zum Thema: Mutter

Wer nie vergisst

Man trägt einen Sarg die Straße entlang,
Zum Friedhofe führt der bittere Gang;
Und hinter der schwarzen Träger Schaar
Da wandert ein bleiches Mädchenpaar.

Es ist die Schwester, die liebende Braut
Von dem, der nimmer die Sonne mehr schaut;
Dann folget langsam das Mütterlein –
Gebeugten Hauptes geht sie allein.

Und als man den Sarg versenkt in die Gruft,
Die Braut mit thränenschwerer Stimme sie ruft:
"Geliebter, den trauriges Dunkel umhüllt,
Fest halt' ich auf ewig im Herzen Dein Bild!"

Laut meinet und jammert die Schwester und spricht:
"So lange ich lebe, vergeß' ich Dein nicht!"
Die Mutter starrt stumm, in die Grube hinab,
Zum Sohne, dem sie das Leben einst gab.

Sie wanken alsdann zum Städtchen hinein,
Die Mutter schreitet, wie früher, allein.

* * *

Ein Jahr ist entschwunden – die Hecke blüht,
Die zierend die Stätte des Todten umzieht.

Da wird in dem Städtchen die blühende Braut
Mit einem andern Manne getraut;
Es tönet und klinget im festlichen Glanz,
Es schwinget sich die Schwester im wirbelnden Tanz.

So schnell wie ein Schwur, ein Gedanke verfliegt,
Sind auch die Thränen der Mädchen versiegt,
Die Mutter allein sie wankt aus dem Haus
Noch täglich zum Grabe des Sohnes hinaus.

"Mein Liebling, dem leidend das Leben ich gab,
O, Alles umhüllet dies einsame Grab!"
So lange das Auge der Mutter nicht bricht,
So lange vergißt man den Todten auch nicht.

Franz Arnold Cöllen

(1830 - 1860), deutscher Dichter

Quelle: Cöllen, Reisen und Dichtungen, ersch. bei Heinrich Ertz, Berlin 1864. Originaltext