Gedicht zum Thema: Herz

Das Herz

Vergessen lag das Herz in unsrer Brust,
Wie lang! ein Kiesel in des Willens Lust,
Nur mit den wasserkühlen spiegelnden Händen
Manchmal berührt, unbewußt.

Einsiedlerisch in sich geschweift so klein
Nicht nötig für den lückenlosen Stein
Der großen Stadt und für den stählernen Geldthron,
In spitzes Rad griff volles Herz nicht ein.

Doch einmal endet der entseelte Lauf,
Nie steigt aus Umwelt Licht herauf,
Was uns umscheint, ist Himmel nie! Der Morgen
Bricht innen aus dem Menschen auf –

Das Herz – das schmal wie eine Sonne brennt,
Doch Sterne rings nach seinen Strahlen nennt,
Das kleine Herz blickt unermeßlich
Aus seiner Menschenseele Firmament!

O Stirn, das Zeichen dieses Herzens trag,
Gedanken, tiefer hallt von seinem Schlag,
Das Herz wird die gewaltige Einheit innen!
Im Weltall leuchtets als des Menschen Tag.

Alfred Wolfenstein

(1883 - 1945), deutscher Übersetzer sowie Dichter und Dramatiker des Expressionismus

Quelle: Wolfenstein, Gedichte. Entstanden 1917