Gedicht zum Thema: Regen

Regen

Versprach sie doch am schwanken Steg im Garten
Im Dämmerschein mich Heute zu erwarten!
Sie zitterte, als ich es laut erbat,
Ich zitterte, als sie es still bejaht.
O hindre nicht, daß sie mir naht,
Du finstrer Himmel, regne nicht so sehr!

O wolltest Du gerührt von meinem Flehen
Ihr in die ewig klaren Augen sehen!
So fordre sie zum Kampfe groß und klar:
Laß mich nicht sagen, daß ihr Augenpaar
Heut schöner als das Deine war,
Du finstrer Himmel, regne nun nicht mehr!

Seit sie mich liebet, liebt mich auch der Friede,
Ich bin nun zahm im Leben und im Liede,
In bunten Farben schillert mir die Welt!
Nimm sie aus meiner Brust von Lust geschwellt
Als Regenbogen in Dein Zelt,
Du finstrer Himmel, regne nun nicht mehr!

Ihr Bruder nennt mein Lieben ein Verbrechen,
Sie darf mich heimlich nur am Brückchen sprechen,
Sie läßt mich nicht, sie liebt zum ersten Mal!
Du aber hast nicht einen Sonnenstrahl,
Du gießest Tropfen ohne Zahl,
O werde blau und weine nun nicht mehr!

Karl Isidor Beck

(1817 - 1879), österreichischer Dichter, Journalist und Schriftsteller

Quelle: Beck, Gedichte von Karl Beck, Berlin 1846