Gedicht zum Thema: Jahr

Die wilden Ströme, gleich den losen Mädchen,
Ergreifen liebelüstern, wie im Nu,
Die Uferbäume, welche ringsum taumeln,
Und eilen rasch dem Ozeane zu.

Die Wälder kleiden sich mit goldnen Knospen,
Da sich der Geist an ihrer Pracht ergötzt;
Das junge Gras entkeimt mit spitzen Blättern,
Daß sich der Hindin weicher Mund verletzt.

Der Waldstrom windet seine bleichen Wogen,
Mit offnem Schlund der Schlange gleich daher,
Gefleckt mit Spreu, Insekten oder Staube,
Daß drob erschrickt der Frösche banges Heer.

Entzückend sind die Berge anzuschauen,
Wenn ihren Gipfel das Gewölke küßt,
Wenn rings herab die Ströme niederwallen,
Und tanzend sie die Pfauenschar begrüßt.

Kâlidâsa

(lebte im 4./5. Jh. n. Chr.), schrieb die berühmtesten indischen Dramen, wird noch heute als der größte indische Dichter verehrt

Quelle: Kâlidâsa, Kurze Schilderung der Jahreszeiten (Ṛtusaṃhāra), Übers. v. Peter von Bohlen, Leipzig 1840