Gedicht zum Thema: Hochzeit

Hochzeitslied

Aus der Eltern Macht und Haus
Tritt die zücht’ge Braut heraus
An des Lebens Scheide –
Geh und lieb’ und leide!

Freigesprochen, unterjocht,
Wie der junge Busen pocht
Im Gewand von Seide –
Geh und lieb’ und leide!

Frommer Augen helle Lust
Ueberstrahlt an voller Brust
Blitzendes Geschmeide –
Geh und lieb’ und leide!

Merke dir’s, du blondes Haar:
Schmerz und Lust Geschwisterpaar,
Unzertrennlich beide –
Geh und lieb’ und leide!

Conrad Ferdinand Meyer

(1825 - 1898), Schweizer Novellist, Dichter und Epiker

Quelle: Meyer, C. F., Gedichte. Erstdruck 1881